11.08.2018 Augsburger Allgemeine. Bella Ciao. Warum ein 100 Jahre altes italienisches Arbeiter- und Protestlied plötzlich zum Sommerhit wird. Marcus S. Kleiner im Gespräch mit Denis Dworatschek

Quelle: Augsburger Allgemeine

„Wie aber kommt es, dass ein solch hochgradig politisches Lied zum Sommerhit 2018 wurde? Der Musikexperte und Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaften an der SRH Hochschule der populären Künste, Marcus Kleiner, hat eine Erklärung für den Erfolg – und der ist weniger kompliziert als viele denken.“

„,Das Lied hat eine eingängige Melodie, eine markante Zeile mit ,Bella Ciao‘, es macht uns gute Laune und und versetzt unmittelbar in Tanzstimmung, falls man den Song mag. Das ist alles, was ein Sommerhit braucht’“, so Kleiner.

Dass es im Text des Liedes um einen Partisanenkampf gegen faschistische Unterdrücker geht, interessiere die Leute beim Hören nicht. Das sei wesentlich nur ein Medienthema. Hauptsache, die menschen könnten ähnlich wie bei einem Ballermann-Song noch ,nach zehn Bier mitsingen’ und tanzen.“
„Die Geschichte hinter dem Lied beginnt sogar noch vor dem Zweiten Weltkrieg. Seine Melodie ist nämlich noch älter, auch der ursprüngliche Text war ein anderer. ,Eigentlich ging es gegen die ungerechten Arbeitsbedingungen der Landarbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts in Norditalien’, sagt Kleiner. Erst später sei das Arbeiterlied zum Protestlied der Widerstandskämpfer geworden.“
„Aber warum wurde gerade diese kommunistische und sozialdemokratische Hymne so erfolgreich?“

„Kleiners Meinung nach sei die Auswahl des Textes genau kalkuliert worden. ,Das hat etwas mit Aufmerksamkeits-Ökonomie zu tun.’ Viele Medien haben sich auf den Titel gestürzt und fragen: Darf man das? Darf man ein so politisches Lied als Sommerhit verwenden? Ist das noch Meinungs- beziehungsweise Kunstfreiheit? Die andauernde Diskussion halte den Hit weiter in den Charts und verlängere den Erfolg. Aber: ,Grundsätzlich hat kein Produzent es in der Hand, dass ein Song auch wirklich ein Sommerhit wird’, stellt Kleiner klar.“

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„Wie stark trug diese wohl zum Erfolg des Hits bei? ,Einige Serienfans sind bestimmt dadurch auf das Lied aufmerksam geworden’, sagt Marcus Kleiner. Jedoch sei das keine neue Entwicklung. Schon bei Serien wie „Miami Vice“ in den 1980er-Jahren haben es Titel aus dem Soundtrack in die Charts geschafft. ,Die Lieder sind einfach strategisch gut platziert’, so Kleiner. Mit knapp drei Minuten ist der Song kurz. Den Experten überrascht das nicht: ,Das ist der Zeitgeist. Popmusik wird immer kürzer.’ Episch ausgedehnte Lieder haben ausgedient. Das liege auch an der Streaming-Kultur. „Bella Ciao“ sei perfekt chartorientiert.“

Quelle: Augsburger Allgemeine