Die Rheinpfalz – Wahrnehmung der Wirklichkeit wird verzerrt.
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Die Rheinpfalz – Wahrnehmung der Wirklichkeit wird verzerrt.

Die Rheinpfalz – Wahrnehmung der Wirklichkeit wird verzerrt.

Marcus S. Kleiner im Interview mit Wolfgang Scheid über „Streamland“.

Quelle: Die Rheinpfalz

Streamingdienste sind die Krisengewinner der Pandemie. Inwiefern können Sie zu einer Realitätsverzerrung bei Konsumenten führen?
Zur Realitätsverzerrung können Streamingdienste durch ihre Inhalte beitragen. Zum Beispiel durch eine subjektive, die Wirklichkeit verzerrende Darstellungsweise. Nehmen wir bei Netflix die Doku-Serie „Pandemie“, die vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie startete. Von einer Dokumentationsserie erwartet man möglichst objektive Fakten. Also was für Viren gibt es? Wo gibt es Pandemien? Wie kann man sich schützen? Stattdessen ist diese Netflix-Serie eine klassische Drama-Serie. Inhaltlich wird ein allgegenwärtiges Be-drohungsinferno von unterschiedlichen Viren dargestellt, die unsichtbar sind und man erst bemerkt, wenn man daran erkrankt. Gleichzeitig haben wir Mediziner und Forscher, die sich wie Superhelden aus Marvel-Filmen dem Kampf gegen die Viren der Welt stellen.
Wenn man die Serie ansieht, lernt man relativ wenig über Viren, vielmehr werden wir in eine permanente Angstbereitschaft versetzt und sehen gleichzeitig Gesichter von Menschen, die uns helfen. Von Helden, die unter Einsatz ihrs Lebens gegen diese Viren kämpfen. Insofern findet hier eine Realitätsverschiebung statt, indem wir denken, dass wir in einer unterhaltsamen Dokumentation klare Fakten präsentiert bekommen, die uns ängstigen und bedrohen. De facto bekommen wir eine unterhaltsame Drama-Serie, die uns in eine Art Angst-Lust versetzt. Das ist ein plakatives Beispiel, wie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit durch Medieninhalte verzerrt wird.
(…)
Leben wir heute wirklich in einer selbst gewählten, digitalen Unterhaltungsdiktatur, die unsere Demokratie gefährdet? Natürlich leben wir in einer demokratie-kritischen Zeit. Die Kritik an der digitalen Transformation fokussierte sich in den letzten Jahren immer auf die wissens- und informationsbasierten Medien. Auch Social Media und digitale Plattformen wie Facebook oder Google wurden nur auf Informationsangebote hin analysiert. Es herrscht Konsens darüber, dass bei diesen Angeboten Probleme beim Datenschutz oder der Über- wachung bestehen. Geändert hat sich freilich nichts. Bei aller Systemkritik geht es wie im Hamsterrad immer weiter, weil alle Leute die Dienste weiterhin nutzen wollen. Was digital versprochen wird, ist viel wichtiger als Kontrolle, Demokratie und Selbstbestimmung.
Mit diesem Widerspruch leben wir schon seit vielen Jahren: Einerseits wissen wir, dass unsere Daten ausgewertet werden, dass unsere Daten überall überwacht werden, dass wir die doppelte Ökonomie der Selbstentmündigung fördern. Wir zahlen mit unseren Daten für etwas, mit dem wiederum Geld generiert wird und wissen gar nicht, was alles mit den Daten geschieht. Niemand hat sich aber bisher mit dem Kontext „Unterhaltung“ beschäftigt. Wo sind Gefahren der Unterhaltung? Genau da setzt mein Buch an.
Von Niklas Luhmann, den Sie zitieren, stammt der Satz: „In der Wahrnehmung des (Massenmedien-)Systems verwischt sich die Unterscheidung der Welt, wie sie ist, und der Welt wie sie beobachtet wird.“ Wächst diese Diskrepanz?
Leider ja. Gerade dadurch, dass wir alle noch viel mehr in Filterblasen gezwungen werden und, technisch bestimmt, durch den Vervollständigungsalgorithmus, den jeder Digitaldienst anbietet. Bei Google gibt man zwei Buchstaben ein und die restlichen Buchstaben des Wortes werden ergänzt, natürlich jeweils mit den populärsten Kriterien. Auf diese Weise gerät man bei YouTube oder Google immer wieder in Spiralen.
Wenn man zum Beispiel nach dem Begriff „Impfstoff“ sucht, tauchen plötzlich fünf weitere Suchen auf, darunter auch von Corona-Leugnern und Verschwörungstheoretikern. Weil digitale Dienste immer nach dem Prinzip der Popularität funktionieren. Das heißt: Der Algorithmus ist nicht ideologisch, hier zählen nur Popularität und Gewinnmaximierung. Insofern werden wir immer mehr in Perspektiven hineingedrängt, die uns den Überblick verlieren lassen.
Dadurch sind wir nicht mehr dieser Beobachter zweiter Ordnung, von der Luhmann spricht, sondern wir sind ganz einfach Beobachter von Beobachtern der Beobachter der Beobachter. Will sagen: Wir verlieren uns in der Beobachtung, und in unserer Beobachtung sind wir permanent gelenkt und fremdbestimmt.“