BADISCHE ZEITUNG. “IN DIE DIGITALE UNMÜNDIGKEIT. BZ-INTERVIEW MIT MARCUS S. KLEINER ÜBER DIE GEFAHREN DES VIDEO-STREAMINGS”
BZ-INTERVIEW MIT MARCUS S. KLEINER ÜBER DIE GEFAHREN DES VIDEO-STREAMINGS
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BADISCHE ZEITUNG. “IN DIE DIGITALE UNMÜNDIGKEIT. BZ-INTERVIEW MIT MARCUS S. KLEINER ÜBER DIE GEFAHREN DES VIDEO-STREAMINGS”

Badische Zeitung Streamland Marcus S. Kleiner

BADISCHE ZEITUNG. “IN DIE DIGITALE UNMÜNDIGKEIT. BZ-INTERVIEW MIT MARCUS S. KLEINER ÜBER DIE GEFAHREN DES VIDEO-STREAMINGS”

Marcus S. Kleiner im Gespräch mit Moritz Lehmann.

Quelle: BADISCHE ZEITUNG

ZITATE (Auswahl):

BZ: Dennoch sehen Sie in Video-Streaming-Plattformen eine Bedrohung für die Demokratie. Warum?

Marcus Kleiner: Niemand, der diese Dienste nutzt, steht außerhalb der Manipulations- und Ausbeutungsmechanismen der Streaming-Industrie. Mein Buch dreht sich um Streaming als Unterhaltungsindustrie und nicht in erster Linie um deren Inhalte, sondern wie Netflix als Unternehmen der Digitalwirtschaft unsere Demokratie bedroht.

(...)

BZ: Und wie geschieht das konkret?

Kleiner: Es ist komplex, aber ich greife zwei Dinge heraus: Streaming führt zur Selbstentmündigung und Selbstausbeutung der Nutzerinnen und Nutzer. In jeder Sekunde, in der wir streamen, werden wir von Algorithmen dokumentiert und ausgewertet. Auf dieser Basis werden uns Empfehlungen gemacht. Dieses Empfehlungsmanagement können wir selbst aber nicht überprüfen. Wir wissen nicht, was mit unseren Daten gemacht wird und wie etwa Netflix zu seinen Empfehlungen kommt. Das hat einen manipulativen Charakter. Hinzu kommt: Wenn wir unsere Daten permanent abgeben, aber keine Hoheit über sie haben, wird die Souveränität unseres Handelns eingeschränkt. Als Streaming-Abonnent müsste ich wissen, was mit meinen Daten geschieht, um darüber entscheiden zu können, ob ich den Empfehlungen eines Dienstes vertrauen kann oder ein anderer Anbieter weniger mit meinen Daten anstellt als Amazon oder Netflix. Uns fehlt die Basis, selbstbestimmt und souverän zu entscheiden. Und für diese Form der digitalen Ausbeutung zahlen wir nicht nur mit unseren Daten, sondern auch noch mit Monatsgebühren. Und nicht zuletzt verlieren wir unsere Kritikfähigkeit, indem wir uns immer mehr auf Empfehlungen verlassen, die Wahrnehmungen und Meinungen lenken sollen.

(...)

BZ: Welche Folgen hat das Geschäftsmodell der Streaming-Plattformen schlimmstenfalls für die Medienlandschaft in den nächsten zehn bis 20 Jahren?

Kleiner: Wir können schon jetzt beobachten, dass Streaming das Leitmedium unserer Zeit ist. Das wird sich immer weiter ausdifferenzieren, es wir immer mehr On-Demand-Angebote und Services geben, die uns in ein betreutes digitales Leben führen. Eine der Perspektiven, die ich am Ende meines Buches entwickle, ist die Dystopie aus Marc Uwe-Klings Buch ``Quality Land``. Dabei geht darum, dass uns die Souveränität unseres Handelns digital abhandenkommt und wir für Digitalunternehmen immer manipulierbarer werden. Die Digitalisierung ist nicht umkehrbar, wir werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren einen gigantischen Digitalisierungsschub erleben, der unser berufliches und alltägliches Leben komplett auf den Kopf stellen wird. Das sehen wir schon jetzt angesichts der in der Pandemie angestoßenen Debatte über das Homeoffice als künftigen Regelfall.

(...)

BZ: Zurück zum Streaming: Hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk dem etwas entgegenzusetzen?

Kleiner: Er könnte ein Gegengewicht darstellen. Die Einnahmen aus den Gebühren belaufen sich auf jährlich acht Milliarden Euro. Das ist mehr als die Streaming-Dienste in Deutschland verdienen. Meiner Ansicht nach müssten die öffentlich-rechtlichen Sender ein umfassendes Streaming-Angebot mit Bildungsauftrag entwickeln, um in die Nutzungsgewohnheiten dieser Zeit einzudringen und dann zu überlegen, wie Programm anders gedacht werden kann, ohne den Bildungsauftrag zu verlieren. Da sind die Öffentlich-Rechtlichen Jahre hinterher. Hinter den US-amerikanischen Digitalunternehmen, aber auch dem Privatfernsehen, das mit Joyn und TV Now schon früh gezeigt hat, dass man mit Plattformstrukturen erfolgreich sein kann. Es wird noch zu viel in den klassischen Kategorien eines linearen Fernseh- und Radioprogramms gedacht. Das macht es den Streaming-Giganten aus Amerika wahnsinnig leicht, erfolgreich zu sein, weil aus den klassischen Medienstrukturen Deutschlands zu wenig Innovation kommt.