philosophie MAGAZIN. “NETFLIX GEFÄHRDET DIE DEMOKRATIE. DIE DIGITAL NATIVES SIND ZUTIEFST NARZISSTISCH”
Marcus S. Kleiner im Gespräch mit Dominik Erhard.
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philosophie MAGAZIN. “NETFLIX GEFÄHRDET DIE DEMOKRATIE. DIE DIGITAL NATIVES SIND ZUTIEFST NARZISSTISCH”

philosophie MAGAZIN. “NETFLIX GEFÄHRDET DIE DEMOKRATIE. DIE DIGITAL NATIVES SIND ZUTIEFST NARZISSTISCH”

Marcus S. Kleiner im Gespräch mit Dominik Erhard.

Quelle: philosophie MAGAZIN ONLINE

Zitate (Auswahl):

„Philosophie Magazin: Herr Kleiner, im Zentrum Ihres Buches Streamland steht die These, dass Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime und Disney+ unsere Demokratie bedrohen. Was haben digitale Filmplattformen denn mit Politik zu tun?

Marcus Kleiner: Eine ganze Menge, weil sie wichtige Prinzipien wie Kritikfähigkeit, Mündigkeit und Selbstbestimmung ad absurdum führen, die jedoch für eine Demokratie unabdingbar sind. Das geschieht, indem Netflix und Co. uns Abonnentinnen und Abonnenten eine riesige Auswahl an Inhalten anbieten und algorithmisch generierte Empfehlungen aussprechen, was wir uns davon ansehen sollten. Das vermittelt die Illusion, dass wir vernünftige Entscheidungen fällen könnten. Tatsächlich allerdings halten uns Algorithmen nur einen Spiegel unseres audiovisuellen Begehrens vor und wir konsumieren, was wir ohnehin schon kennen. Die dort vermittelte Unfähigkeit zu urteilen und Empfehlungen zu hinterfragen, bleibt allerdings nicht auf den Platz vor den Bildschirmen beschränkt, sondern überträgt sich auch auf andere Bereiche des Lebens.“

„In Ihrem Buch vertreten Sie die These, dass diese extensive Nutzung von Streamingdiensten zu einer On-demand-Gesellschaft führen würden. Was meinen Sie damit?

Ich habe ja bereits von den Algorithmen gesprochen, durch die wir uns die Kritikfähigkeit abtrainieren, ob wir diesen oder jenen Inhalt nun konsumieren wollen, oder nicht. Das andere Problem, das durch Streamingdienste intensiviert wird, ist die Ungeduld, weil alles immer überall und unmittelbar zum Abruf bereitsteht. Besonders problematisch wird diese On-demand-Haltung im Bereich Bildung, in die ich durch meine Lehrtätigkeit als Professor einen guten Einblick habe. Es ist frappierend zu sehen, dass die junge Generation hochintelligent und unglaublich zeigtgeistsensibel ist, Themen wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus spielen eine extrem große Rolle. Die Studierenden wissen also einerseits wahnsinnig viel, aber andererseits leben sie in einer On-demand-Welt, wollen also immer alles sofort und praktisch verbrauchsfertig haben. Nichts soll komplex oder umständlich sein. Es gibt eine regelrechte Komplexitätsverweigerung. Man will nicht lang rummachen und nicht groß diskutieren. Wenn man also wirklich einmal etwas dialektisch durchdenken will, ist das ein Problem. Zudem gibt es eine starke Tendenz zu vermeiden, was nicht dem eigenen Geschmack entspricht.

Was zu Filterblasen führt?

So ist es. Ein wesentlicher Faktor von Bildung ist allerdings das, was man als Fremdheitserlebnisse bezeichnet. Dass man also annimmt und aufnimmt, was jenseits der eigenen Ordnung liegt. Doch das geschieht oft nicht, was sich gut an Kommentarspalten unter YouTube-Videos zeigen lässt. Hier wird der eigene Geschmack praktisch als Argument gesehen und laut kundgetan. In meinem Buch nenne ich das ``Geschmackspopulismus``.“

„Das klingt alles eher nach einer Horrorserie als nach einem Film mit Happy End. Und auch ihr Buch endet ja mit einer Dystopie. Was müsste passieren, damit von Streamingdiensten weniger Gefahr ausgeht?

Eine ganz ähnliche Frage hat mir auch der Verlag gestellt. Es muss irgendwas rein, was positiv in die Zukunft weist und wenn es nur eine kleine Utopie ist. Das war die Bitte. Allerdings war ich dagegen, weil das erstens nicht meine Haltung ist und ich zweitens will, dass es jedem und jeder der oder die es liest am Ende total unangenehm ist, weil es ganz nah am eigenen Leben ist. Was ich aber als Transformationsmöglichkeiten vorgeschlagen habe: In der Politik, bei den Anbietern von Streamingdiensten, Nutzerinnen und Nutzern sowie im Verbraucherschutz muss sich die Idee von erhöhter Datentransparenz durchsetzten. Wir müssen also prinzipiell wissen können: Wie funktionieren die Algorithmen? Wie kommen die Empfehlungen zustande? Was kann ich tun, wenn ich mit etwas unzufrieden bin? Es geht also um Kooperation, weil Regulierung allein nicht helfen wird. Netflix und Co. sind von uns so abhängig, wie wir von ihnen. Und nur wenn wir ihnen das zeigen, haben wir eine Chance.“