Kölner Express – Hass, Sexismus: Wie Rapper von Indizierungen profitieren. Der Fall Bushido.
Marcus S. Kleiner im Gespräch mit Martin Henning. "Bushidos 2014 erschienenes Album ,Sonny Black' ist nicht für Kinder unter 18 Jahren geeignet. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in einem aktuellen Urteil endgültig bestätigt."
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Kölner Express – Hass, Sexismus: Wie Rapper von Indizierungen profitieren. Der Fall Bushido.

Bushido-Interview-Kolner-Express

Kölner Express – Hass, Sexismus: Wie Rapper von Indizierungen profitieren. Der Fall Bushido.

Marcus S. Kleiner im Gespräch mit Martin Henning.

“Bushidos 2014 erschienenes Album ,Sonny Black’ ist nicht für Kinder unter 18 Jahren geeignet. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in einem aktuellen Urteil endgültig bestätigt.”
 

Quelle: Kölner Express

Warum werden so häufig Rap-Alben indiziert?

In Deutschland ist Rap gerade der Soundtrack der Zeit. Klar also, dass man sich diese Musikrichtung genauer anschaut. Rap arbeitet mit ambivalenten Künstlerfiguren und kontroversen Aussagen.

Bushidos Album kam im Februar 2014 auf den Markt und wurde im April 2015 indiziert. Welche Auswirkung hat eine Indizierung auf Künstler, auch in finanzieller Hinsicht?

Es ist auf jeden Fall eine wirtschaftliche Beeinträchtigung, wenn das Werk nicht mehr gestreamt werden kann. Der Streamingmarkt ist extrem erfolgreich, viele Rap-Konsumenten sind online unterwegs. Die Verkaufszahlen sind, wenn das Album schon etwas länger auf dem Markt ist, weniger das Problem. Eine Indizierung soll dem Künstler trotzdem auch wirtschaftlich einen Denkzettel verpassen und Grenzen setzen: Du kannst nicht alles machen, was du willst.

Gerade Rapper wie Bushido nutzen Indizierungen aber auch gerne als PR-Maßnahme…

Jede Öffentlichkeit und jede Kritik ist willkommen, ob sie positiv oder negativ ist. Wenn man sagt, dort ist ein Werk, vor dem wir die Jugendlichen schützen müssen, dann ist das automatisch eine Werbemaßnahme für den Künstler und das Album. Es kann auch den Verkauf fördern, wenn sich die Hörerin oder der Hörer denkt: „Der Typ ist spannend, ich möchte die anderen Platten kaufen oder streamen.“

Mit Indizierungen will der Staat Kinder und Jugendliche erziehen und schützen. Ist das im digitalen Zeitalter überhaupt noch zeitgemäß?

Nein, und das gleich aus zwei Gründen. Zum einen ist der Zugang auf anderen Ebenen nicht verhinderbar. Im Internet finde ich viele verbotene Videos, Filme, Musik. Zum anderen erreicht man mit Indizierungen keinen Perspektivenwechsel. Indizierung ist in einer demokratischen Gesellschaft eher ein Rückschritt, weil er die Diskussion verhindert und mit einer Halb-Kenntnis eine Debatte führen lässt. Wenn ich das Material nicht kenne oder die Songs nicht gehört habe und ich übernehme nur Wissen, das ich aus Artikeln habe, dann verhindert das die kritische und die auf Argumenten basierende Auseinandersetzung mit dem Werk. Die Idee hinter einer Indizierung ist immer: Wir bewahren nicht vorbereitete Zielgruppen, in diesem Fall Jugendliche, vor dem Kontakt mit für sie unpassender Kultur. Das ist ein Bildungsverständnis, das ich zutiefst ablehne.

Nehmen wir die Jugend nicht ernst genug?

Definitiv. Natürlich sollten Jugendliche bei ihren Erfahrungen begleitet werden. Aber man darf Jugendliche niemals unterschätzen. Dass jemand eine andere Person „Fotze“ nennt, Diskriminierung, Sexismus, Gewalt – all das bekommen die Jugendlichen ganz früh mit, auf dem Schulhof, im Sportverein, in der Straßenbahn. Das ist nichts, wovor die Gesellschaft unsere Jugendlichen bewahren kann. Trotzdem ist es problematisch, dass ein Musiker wie Bushido das in das Rap-System übersetzt und dann sagt, es sei ein Sprachspiel und gar nicht so gemeint, wie er es präsentiere. Damit versucht er, sich zu retten. Aber Diskriminierung, Homophobie, Sexismus sind in einer Demokratie nicht zu tolerieren.

Was ist aus Ihrer Sicht sinnvoller als ein Indizierungsverfahren?

Ich finde es wichtig, fragwürdige Werke in eine breite öffentliche Diskussion einzubringen. Lasst uns doch Kulturwissenschaftler, Jugendschützer, Politiker zusammen mit Künstlern und Rap-Experten an einen Tisch bringen und in einem offenen Diskussionsfeld miteinander reden. Conscious Rapper wie Curse oder Torch müssten mit an diesem Tisch sitzen. Zum anderen müssen wir uns in Schulen und an Universitäten mit dem Thema beschäftigen: Wie gehen wir damit um, wenn jemand Grenzen überschreitet und Haltungen populär macht, die zutiefst antidemokratisch sind?

Sind Künstler wie Bushido die Ursache oder ein Symptom von gesellschaftlichen Phänomenen wie der Verrohung der Sprache und Sexismus?

Die Themen sind gesellschaftliche Themen, die es unabhängig von Bushido und Co. gibt. Weder Bushido noch andere umstrittene Rapper haben diese Themen in die Welt gebracht. Das wäre eine Aufwertung der Personen, die fast schon nach PR klingt. Die Künstler greifen die Themen auf, weil es vielleicht zu ihrem Image oder ihrer Mentalität passt oder weil sie wissen, dass sie dadurch Aufmerksamkeit erzeugen. Und dann präsentieren sie diese Themen sehr plakativ, weil sie wissen, dass sie eine Kontroverse auslösen. Das soll keine gesellschaftliche Debatte auslösen, sondern ist ein kalkulierter Tabubruch.

Als Hörer hat man den Eindruck, dass es in Deutschrap heutzutage nur noch um Geld und Statussymbole geht…

Auffallend für mich ist, dass in den letzten zwei Jahren die Seite des Conscious Rap total geschwiegen hat. Kaum jemand ist aufgestanden und hat gesagt: Schluss, ihr beschädigt die Kultur, mit der ihr euch verteidigt. Trotzdem muss man sagen: Das Phänomen, plakativ Aufmerksamkeit zu generieren, um viel zu verkaufen, gab es schon zu Beginn des Gangster-Raps in den 80er Jahren.

Müssen Künstler überhaupt Vorbilder sein?

Sie müssen keine Vorbilder sein, es gibt auch genug Antihelden. Aber bei gesellschaftspolitischen Themen wie Sexismus, Homophobie und Rassismus sollte man einen Referenzrahmen im Song anbieten, der klar macht: Vielleicht vermittelt das lyrische Ich eine Position von Menschen, die Rassisten sind. Aber der Künstler verkörpert diese Haltung nicht selbst, sondern stellt sie in einem bestimmten Rahmen dar. Ein Künstler hat eine exklusive Position inne, deswegen muss er eine Verantwortung tragen für das Bewusstsein, das er in der öffentlichen Diskussion auslösen kann. Künstlern vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, hat aber noch nie funktioniert und das sollte man auch nie machen. Kontroverse Haltungen sind wichtig und gut. Wenn ich 11-jährige Fans habe, muss ich allerdings auch überlegen: Welche Rolle finde ich, damit ich die Hörer zum Nachdenken bringe und nicht einfach nur eine vorgefertigte Haltung vor den Kopf knalle. Jemanden „Fotze“ zu nennen, ist keine Haltung, sondern Diskriminierung.

Quelle: Kölner Express